„Das ist nur eine Phase“; „Wachstumsschub“; „Sie bekommt bestimmt Zähnchen“…

Mich würde einmal interessieren, wie oft einer dieser oder ähnlicher Sätze in Bezug auf ein Kind gesagt wird, denn ich ertappe mich regelmäßig dabei, eine Formulierung für das Verhalten meiner sich in der „anstrengenden Phase“ befindendenTochter zu finden ...


Hätte mir jemand vor der Geburt von Zoey gesagt, dass man als Eltern (und alle drum herum) versucht, ständig eine Erklärung für jede einzelne schwierige Situation zu finden, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Und doch erwische ich Ricardo und mich (und wie gesagt alle drum herum) immer wieder dabei. Natürlich möchte gerne wissen, was mit unserem doch eigentlich so zuckersüßem Kind los ist, wenn es mal wieder nicht alleine schlafen will, wenn es stündlich aufwacht, wenn es weint und schreit, wenn es die Mama nicht einmal schafft, sich im Bad fertig zu machen, ohne dass das Kind an einem Bein klebt.

 

Die erste Woche nach Zoey‘s Geburt verlief unspektakulär. Sie schlief viel und das überall wo man sie hinlegte. Man hörte sie kaum und wenn, dann war das ein so leises und niedliches wimmern, dass man Angst haben musste, nachts nicht wach zu werden, wenn das Baby nach der Flasche „rief“ (ich wurde im Endeffekt vor ihr wach, da mich jede Bewegung ihrerseits aus dem Schlaf riss).

Da Zoey sich ja eine Woche länger in meinem Bauch breit machte, als ausgerechnet, und wir nach der Geburt noch 3 Tage im Krankenhaus blieben, hatte Ricardo nur noch eine verbleibende Woche Urlaub. Danach wurde alles anders…

Zoey konnte weinen, so richtig und oft, gefühlt den ganzen Tag. Naja wie so „richtiges“ Weinen funktioniert, habe ich erst nach einigen Monaten herausgefunden, als Zoey erkannte, dass ihre Stimme noch viel viel lauter und schriller angestimmt werden kann.

 

Da war ich nun - allein mit der neuen Situation, eine Mama zu sein und mit einem Bündel Kind auf dem Arm, was ständig anfing zu weinen. Im Nachhinein gesehen war auch dies ein Klacks und auf keinen Fall vergleichbar mit anderen Erzählungen. Aber für mich war es in diesem Augenblick das Schlimmste.

 

So richtig schlimm wurde es ab der 3. Woche. Von da an dachte sich Zoey, sie möchte einfach abends/nachts nicht in ihr kleines Bettchen und schrie und schrie und schrie…

Es war so schlimm, dass ich mich mit jeder Stunde, die näher zum Abend rückte, mehr davor graulte. Es half nichts. Das Kind schrie und zwar so laut und mit voller Elan, dass ich dies nie für möglich gehalten hätte (auch hier wurde ich mittlerweile eines Besseren belehrt. Es geht noch lauter und schriller!).

 

Für diese Abende danke ich von ganzem Herzen meinem Mann und seiner Engelsgeduld. Er blieb, wie immer, die Ruhe in Person, währenddessen mein Inneres zwischen Wut und Trauer schwankte.

Nachdem ich verzweifelter Weise einen Termin bei einer Schlafberatung machte und feststellen musste, dass es noch weitaus härtere Fälle gab, habe ich Zoey plötzlich anders gesehen. Mir wurde bewusst, dass einige Babys eben länger benötigen um auf der Welt „anzukommen“. Mit dieser Erkenntnis und für diesen Abschnitt, der im Übrigen fast 4 Monate anhielt (mit guten und weniger guten Nächten) wurde eine Erklärung gefunden: „Zoey musste erst einmal ankommen!“


Die nächsten Monate waren immer wieder eine Berg- und Talfahrt mit vielen sehr schönen Momenten und sehr leichten Tagen/Wochen, doch natürlich nicht anhaltend. Es kam immer wieder etwas dazwischen, Rückschläge usw.

Ich kaufte mir relativ zeitnah sämtliche Ratgeberbücher, von denen ich mir versprach, eine Erklärung für diese immer wiederkehrenden und (für uns alle) sehr anstrengenden Tage/Wochen zu finden. Im Endeffekt hat mir nur ein Buch ein wenig Aufklärung gebracht und somit wird beim kleinsten Anzeichen einer Veränderung von Zoey‘s Verhalten das Buch gezückt und geschaut, in welcher „Phase“ wir uns gerade befinden. Nach meinem Empfinden (oder Einbildung?) nahm Zoey bisher all die aufgeführten „Schübe“ immer komplett mit und ich konnte in dem Geschriebenen zumindest in den meisten Punkten unsere Tochter wieder finden. Was einem das bringt, wenn man ja trotzdem nichts an dem Schreien und dem anstrengenden Verhalten seines Kindes ändern kann? Tja, darüber lässt sich streiten. Für uns heißt es aber in der Regel: „Zoey befindet sich in einem Schub!“

Die Sprengels: Beispielbild zum Buch "Oje, ich wachse!" von Hetty van de Rijt & Franz X. Plooij
Buch: Oje, ich wachse! von Hetty van de Rijt & Franz X. Plooij

Da wir noch keine Erfahrungen haben, was das Zähnchenbekommen angeht, ist auch diese Vermutung immer ganz hoch im Kurs. Natürlich immer dann, wenn mir mein schlaues Buch leider keine Erklärung oder Übereinstimmung mit den Daten geben kann. Und somit wird immer wieder gerätselt und geraten, was denn unser eigentlich so liebes Kind haben könnte, sollte es einmal wieder sehr schlechte Laune haben…

Und genauso rätseln und raten auch sämtliche andere Familien weiterhin, was ihr doch eigentlich bezauberndes Kind wieder einmal haben könnte.

 

Ich bin gespannt, wann bzw. ob diese „Phase“ der Erklärungsnöte der Eltern abnimmt und man wirklich irgendwann einfach mal sagen kann: „Unser Kind hat eben auch mal einen schlechten Tag“. Denn irgendwann hat mein schlaues Buch schließlich auch ein Ende…

ABER dann könnten es Zähnchen sein oder Bauchweh, oder, oder, oder…

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